The Grand Circle – Eine elfwöchige Rundreise durch die USA

Nicht jeder hat die Möglichkeit, mit dem Wohnmobil eine elfwöchige Rundreise durch die USA zu machen. Ich hatte die Zeit, das nötige Kleingeld und habe auf dieser Rundreise Hitze von 52°C (8. August, Death Valley) und Schneefall bei Minustemperaturen (am 26. August, Yellowstone Park), gleißend helle Sonne (White Sands), und sturzbachartige Regenfälle (Florida) und viele interessante Begegnungen mit den unterschiedlichsten Menschen erlebt.

Ein vollständiger Bericht dieser langen Reise würde vermutlich den Rahmen sprengen. Bereits in der Rohfassung hat mein Reisetagebuch einen Umfang von 71 Seiten. Ich werde mich also darauf beschränken, aus dem Reisetagebuch einige Etappenbeschreibungen auszuwählen und hoffe, niemanden damit zu langweilen. Und am Ende gibt es dann auch noch ein paar praktische Tipps.

Tag 9 und 10 – Dienstag, 17. und Mittwoch, 18. Juli 2018

New Orleans ist mit rund 350.000 Einwohnern die größte Metropole Louisianas. Mit ihren Nachbargemeinden, Gretna, Harvey, Marerro, Westwego und Bridge City, die auf der rechten Flussseite liegen und den großen, nach Süden offenen Flussbogen des Mississippis ausfüllen, bildet New Orleans eine geografische und wirtschaftliche Einheit, in der insgesamt 450.000 Menschen leben.

Als wir von Osten kommend mit dem Wohnmobil in die Stadt fuhren, war der erste Eindruck, dass New Orleans durch große Hektik geprägt wird und, auf den ersten Blick, durch willkürlich und rücksichtslos durch die Stadt geschlagenen Schneisen für Hochstraßen, Autobahnen und deren Zu- und Abfahrten. Die Straßen bildeten ein mehrstöckiges, scheinbar wahlloses Über- und Untereinander, dass mehr verwirrte als führte und leitete. Rumpelnd und scheppernd, auf asphaltbedecktem Stahl, führte uns unser Weg auf die Brücke über den Mississippi und auf einmal war er da, der Strom, der New Orleans beherrscht – breit und träge floss er 45 Meter unter uns dahin. Der Unterlauf des Rheins ist wahrlich kein Rinnsal, aber dieser Fluss ist mehr als doppelt so breit. Fast 800 Meter misst er an der Stelle, an der wir ihn überquerten und ein Blick nach Westen vermittelte eher den Eindruck eines gewaltigen Sees, als den eines Flusses.

Auf dem Weg zu unserem Campingplatz fuhren wir am rechten Ufer durch Bereiche, die von Armut und Industrie geprägt wurden. Immer noch waren, selbst im Jahr 2018, überall die Narben sichtbar, die der Hurrikan Kathrina im Jahre 2005 geschlagen hatte. Es gab massenweise verfallene, leer stehende, kleine Holzhäuser. Der Schlamm, der vor dreizehn Jahren von Kathrina durch die Straßen gespült und nach dem Sturm eilig zusammengeschoben worden war, fristet seitdem in vielen der winzigen, ehemaligen Vorgärten als pflanzenüberwucherter Dreckhaufen sein ungestörtes Dasein. Wir fuhren über Straßen, die mit Schlaglöchern übersät waren, die die Bezeichnung Schlaglöcher wirklich verdienten.

Nachdem wir durch diese verwahrloste Stadtlandschaft gefahren waren, bogen wir einmal links ab und passierten ein Schild mit der Aufschrift Bayou Segnette State Park. In diesem Moment verließen wir Desaster Area und tauchten in eine relativ gepflegte Parklandschaft ein. Auch hier gab es zwar einige vergammelte Teile alter Industrieanlagen, über den Park führt die Brücke eines Highways, die Wege waren teilweise etwas ramponiert, aber der Gesamteindruck war, dass hier gepflegt, alles sauber und instand gehalten wurde. Ein krasser Gegensatz zu dem, was außerhalb der Parkgrenzen zu sehen war. Der Park selbst lag neben einem der zahlreichen Kanäle im Umland von New Orleans, hinter einem hohen Damm mit Betonmauer auf der Krone. In einer Gegend voller Erbärmlichkeit gab es diese Oase der Ordnung und Reinlichkeit, mit einem Schilf umstandenen kleinen See, Kinderspielplätzen, gemähten, sattgrünen Rasenflächen und all dem, was zu einem State Park gehört.

Hier richteten wir uns für die kommenden beiden Nächte häuslich ein. Nach über einer Woche Aufenthalt in den USA waren wir froh darüber, dass es auf dem Campingplatz kostenlos benutzbare Waschmaschinen und Trockner gab. Nachdem wir und unsere Wäsche wieder sauber waren, wir außerdem gut zu Abend gegessen hatten, verschliefen, besser noch, verschwitzten wir unsere erste, heiß-schwüle Nacht in Louisiana.

Nach der durchschwitzten Nacht besuchten wir am nächsten Tag das French Quarter. Schon während der Busfahrt zum historischen Zentrum der Stadt, die abseits aller touristischen Anziehungspunkte verlief, haben wir viel von New Orleans gesehen. Der Bus fuhr um kurz nach acht Uhr ab, direkt gegenüber von unserem Campground. Die Route verlief im Abstand von ein paar Kilometern entlang des Laufes des Mississippis durch die bereits erwähnten Gemeinden Westwego, Marrero, Harvey und Gretna. Trotz der insgesamt 54 Haltestellen und 10 Minuten Wartezeit beim Umsteigen dauerte die rund 15 Meilen lange Fahrt nur ein wenig länger als eine Stunde.

Ein paar Eindrücke unseres Aufenthaltes in New Orleans

Mit dem Auto geht das auch nicht viel schneller und dann muss man in der Stadt einen Overzise-Parkplatz für sein Wohnmobil finden. Im Vergleich zu deutschen ÖPNV- Preisen waren Hin- und Rückfahrt spottbillig. $4,00 (3,60€) pro Person kostete das 24 Stunden-Ticket. Während dieser Bustour in die Stadt, entlang der Wohn- und meistenteils verlassenen Industrieanlagen, wurde uns der Kontrast zwischen rechtem und linkem Ufer des Mississippi erneut überdeutlich vor Augen geführt.

Am rechten Ufer gibt es die Armut, am linken herrscht der Reichtum. Rechts vom Mississippi leben die Schwarzen, links von ihm die Weißen. Rechts stehen die kleinen, ärmlichen, eingeschossigen Holzhäuser, mit quietschenden Schaukeln auf ihren schiefen Veranden, tot scheinende Industrieanlagen, Lagerhallen, Billigsupermärkte und Junkfood-Tempel, links befinden sich Banken, Hotels, Bürohäuser und gediegene Restaurants, das French Quarter, Gärten und Parks. Und links des Mississippi, unter all den weißen Reichen, dort arbeiten die Leute, die am rechten Ufer des Mississippi wohnen. Dort arbeiten diejenigen, mit denen wir heute gemeinsam im Bus in die Stadt gefahren sind. Ein Bus voller Schwarzer, außer uns.

New Orleans, eine Stadt aus Versatzstücken, aus einzelnen Bühnenbildern, die zu immer wieder unterschiedlichen Stücken arrangiert wurden und O‘ man River, der Mississippi, der alles prägt.

An seinen beiden Ufern werden sie immer noch deutlich, die bis heute noch nicht vollständig überwundenen Folgen der amerikanischen Rassentrennung. Daran änderte auch das French Quarter nichts, mit Straßen wie Filmkulissen, all überall Balkone mit schmiedeeisernen Geländern, Bourbon Street und Jackson Square, Café du Monde. Jazz in Cafés, in Kneipen und auf der Straße, selbst aus den Hustler- Sexschuppen und aus „Barely Leagal“-Absteigen tönte der Jazz.

Betrunkene, Bettler, Musiker, mal mehr und mal weniger virtuose Jazz-Combos, Straßenkünstler, Tarot- Karten-Legerinnen und Wodoo-Queens, Touristen, wie wir, überall Aufbau, überall Verfall. Das ist das alte Zentrum von New Orleans. Auch hier, am reichen Ufer des Flusses, waren immer noch die Spuren von Kathrina allgegenwärtig.

New Orleans ist eine von Autobahnen und Hochstraßen durchzogene, mit Industrieanlagen und ein paar dahin geklotzten Hochhäusern wild zusammengewürfelte, potthässliche Stadt. Darüber konnten weder das French Quarter, eine putzige Bimmelbahn, noch andere aufgehübschte touristische Orte hinwegtäuschen, nicht einmal die zu Touristenattraktionen mutierten Friedhöfe, auf denen es, wegen des sumpfigen Untergrundes, keine Gräber, sondern ausschließlich steinerne Mausoleen gibt, von der Größe eines Sarges bis hin zu kapellenartigen Gebäuden, die auch als Eigenheime dienen könnten. New Orleans, eine absolut sehenswerte und erfahrenswerte, bauliche Katastrophe mit vielen freundlichen Menschen und großem Charme. New Orleans, ein Stadt gewordener Widerspruch.

A. Ziemer, Juli-September 2018

Weiterlesen? Hier geht’s zum zweiten Teil.

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